Dessau: Haus Fieger

1926 – 1927

Architekt: Carl Fieger

Südstraße 6, Dessau-Roßlau

Haus Fieger, 1926-1927. Architekt: Carl Fieger. Zeitgenössische Aufnahme

Haus Fieger, 1926-1927. Architekt: Carl Fieger. Zeitgenössische Aufnahme

Haus Fieger, 1926-1927. Architekt: Carl Fieger. Zeitgenössische Aufnahme

Haus Fieger, 1926-1927. Architekt: Carl Fieger. Zeitgenössische Aufnahme

Das von 1926 bis 1927 in rationeller Bauweise errichtete, zweigeschossige Haus ist der einzige realisierte Entwurf von Carl Fieger aus einer Reihe weiterer Kleinhäuser. Er baute das Wohnhaus für sich und seine Frau Dora.

Die Errichtung erfolgte im Zusammenhang mit dem Bau der nahegelegenen Siedlung Törten. Das Architekturbüro Walter Gropius plante die Siedlung Törten im Süden von Dessau. An der Stelle der Kiesgrube, die man für den ersten Bauabschnitt der Siedlung ausgehoben hatte, befindet sich das Gebäude. Dadurch sparte sich Fieger die Aushubarbeiten für das Fundament.

Das Haus steht dort in unmittelbarer Nachbarschaft zum sogenannten Stahlhaus von Georg Muche und Richard Paulick.

Der Baukörper, der aus großformatigen Hohlblöcken errichtet wurde, wird durch ein im Westen vorspringendes, halbrundes Treppenhaus und eine Terrasse auf der Südseite ergänzt. Während der eingeschossige Kubus dem Wohnzimmerbereich vorbehalten ist, befinden sich Küche, Bad, Schlafräume und Arbeitszimmer im zweigeschossigen Bautrakt. Das Treppenhaus mit dem runden Abschluss wird durch ein schmal vertikal ausgerichtetes Fenster akzentuiert.

Die gezeigten Pläne wurden leicht verändert ausgeführt.

Carl Fieger

Carl Fieger war Entwurfsarchitekt im Büro von Walter Gropius und viele Jahre lang einer seiner engsten Mitarbeiter. Ab 1927 war er als Lehrer in der Bauabteilung des Bauhauses tätig.

Er wurde an der Baugewerk- und Kunstgewerbeschule in Mainz ausgebildet und studierte dort Hochbau und Innenarchitektur.

Zwischen 1911 und 1921 arbeitete er, unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg, im Atelier von Peter Behrens in Berlin mit Kollegen wie Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier zusammen. Während dieser Zeit lernte er Walter Gropius kennen und wurde dessen langjähriger Mitarbeiter

Von 1921 bis 1934 arbeitete er für Gropius in Weimar, Dessau und Berlin. 1925 folgte er Gropius und dem Bauhaus nach Dessau, wo er mit der Gaststätte Kornhaus und seinem eigenen Wohnhaus, Haus Fieger, seine bekanntesten Werke schuf.

Ab 1927 nahm er seine Tätigkeit als Lehrer in der Bauabteilung am Bauhaus auf. Drei Jahre später folgte er Gropius nach Berlin. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde ihm jedoch die Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer (bzw. Reichskammer der bildenden Künste) verwehrt, was einem Berufsverbot gleichkam. Die Jahre von 1934 bis 1945 verbrachte er in Berlin, danach lebte er wieder in Dessau.

Nach dem Krieg arbeitete Fieger bis 1952 als Stadtbaurat in Dessau. Er wirkte bei der Wiederbelebung des Bauhauses durch Hubert Hoffmann mit. Anschließend war er Mitarbeiter an der Bauakademie der DDR in Berlin (Ost).

Seine am Bauhaus gesammelten Erfahrungen setzte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Deutschen Bauakademie Berlin (Ost) um. 1953 war er am Entwurf des ersten Versuchsplattenbau der Deutschen Bauakademie der DDR in Berlin beteiligt.

Eine schwere Erkrankung zwang ihn, aus dem Berufsleben auzuscheiden. Carl Fieger starb 1960 in Dessau und ist auf dem dortigen Friedhof bestattet.

Haus Fieger

Obwohl der Entwurf an Gropius’ funktionalen Stil anknüpft, weist er die Besonderheiten von Fiegers eigenem Ansatz auf.

Der zweigeschossige, kubische Baukörper verfügt über verputzte Fassaden, ein Flachdach und eine Wohnfläche von insgesamt 74 Quadratmetern. Individualisiert wird der Baukörper durch einen halbrunden Treppenturm und unterschiedliche Fensterformate.

Der Baukörper gliedert sich in den zweigeschossigen, rechtwinkligen Riegel mit einseitig zylindrischem Abschluss. Dieser umfasst an zwei Seiten einen eingeschossigen Kubus. Dadurch entsteht im Obergeschoss eine nach zwei Seiten offene Dachterrasse, die ähnlich wie bei den Meisterhäusern mit horizontal verlaufenden Stahlrohren gesichert ist.

Das Haus sollte mit einem zitronengelben Glattstrich verputzt werden. Das Terrassengeländer, die Haustür sowie die Fenster- und Türrahmen waren im komplementären Kontrast dazu kobaltblau abgesetzt.

Die senkrechten Partien des Türstocks der Haustür und die breiten Zwischenstreben der Fensterreihe sollten sich in einem mittleren Grauton farblich von den kobaltblauen Fenster- und Türrahmen einschließlich der Türfassung abheben.

Für die Oberseite der nicht ausgeführten Pergolenstäbe war ein Rotorange und für die seitlichen Elemente ein heller Grauton vorgesehen.

Haus Fieger, 1926-1927. Architekt: Carl Fieger. Foto: Daniela Christmann

Haus Fieger, 1926-1927. Architekt: Carl Fieger. Foto: Daniela Christmann

Haus Fieger, 1926-1927. Architekt: Carl Fieger. Foto: Daniela Christmann

Haus Fieger, 1926-1927. Architekt: Carl Fieger. Foto: Daniela Christmann

Haus Fieger, 1926-1927. Architekt: Carl Fieger. Foto: Daniela Christmann

Haus Fieger, 1926-1927. Architekt: Carl Fieger. Foto: Daniela Christmann

Entwurf

Der Entwurf ist das Ergebnis von Fiegers Beschäftigung mit der Optimierung von Grundrissen und dem Einsatz von Haustechnik. Er entspricht weitgehend der 1926 publizierten Entwurfsskizze (Carl Fieger, Die vereinfachte Haushaltung durch gute Organisation, Bauwelt 17, 1926, Heft 40, S. 972).

Ziel seiner Grundrissdisposition war es, durch gute Organisation eine vereinfachte Haushaltung zu erreichen, denn «noch immer» – so Carl Fieger – «suchen wir den Wohnorganismus, der mit klarster Folgerichtigkeit bei rationeller Raumausstattung und Verwendung neuer technischer Ausstattungen es der Hausfrau erleichtert, allein zu wirtschaften. Hier gilt es, alles Zeitraubende und Kräfteverbrauchende auszumerzen. Durch geschickte Anordnung der Möbel und Handlichkeit der Geräte ist die Arbeitsabwicklung so zu vereinfachen, dass uns die gesunde, nicht arbeitsüberlastete und nervöse Hausfrau erhalten bleibt. Zu oft, hört man sie klagen, muss sie zum Schlafen die meist steile Treppe nach oben oder zur feuchten Waschküche nach unten steigen. Dies bedingt, dass sich das Wohnen, Schlafen, Kochen, Baden und Waschen auf einer Ebene abspielen. Für die Körperkultur soll das tägliche Bad und das geschützt liegende Sonnenbad auf der Dachterrasse, die auch als Spielplatz für die Kinder und zum Trocknen der Wäsche dient, ein Bedürfnis sein, wie auch das Sichöffnen des Wohnraumes zu der Grünlaube im Sommer die Verbundenheit des Menschen mit der Natur wiederbringt. Ohne in den Ausmassen grösser zu werden, ist das hier abgebildete Eigenheim (Einzel- oder Doppelhaus) nach obigen Grundsätzen durchgearbeitet, unter neuzeitlichem Ausdruck nach aussen. Der Innenausbau ist auf serienweise Herstellung zugeschnitten. Die Abgrenzung der Räume geschieht durch eingebaute Schränke, die beim Wegzug auf Wunsch mitgenommen und in jeder Mietwohnung aufgestellt werden können, so dass der Ausziehende vor der Neuanschaffung von Möbeln bewahrt wird.»

Die Schlafräume und das Bad waren nach Norden ausgerichtet, die Wohn- und Arbeitsräume nach Süden. Die Anordnung der Räume orientierte sich somit an den jeweiligen Funktionen. Fieger plante kaum Erschließungsflächen; alle Räume stoßen direkt aneinander.

Im Erdgeschoss befinden sich ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer. Diese sind lediglich durch Einbauschränke und eine Schiebetür voneinander getrennt. Tagsüber können sie zu einem großen Raum verbunden werden und sind somit flexibel nutzbar. Die Küche verfügt über eine Durchreiche zum Wohnzimmer.

Die nach Zeichnungen von Carl Fieger in den Bauhauswerkstätten gefertigte Inneneinrichtung wurde konzipiert, um die Räume noch stärker zu strukturieren. Fieger entwarf die streng geometrischen Möbel für das Schlafzimmer sowie einen Stahlrohrmöbel, die beide in den Werkstätten des Bauhauses hergestellt wurden.

Haus Fieger, 1926-1927. Architekt: Carl Fieger. Zeitgenössische Aufnahme

Haus Fieger, 1926-1927. Architekt: Carl Fieger. Zeitgenössische Aufnahme

Haus Fieger, 1926-1927. Architekt: Carl Fieger. Zeitgenössische Aufnahme

Haus Fieger, 1926-1927. Architekt: Carl Fieger. Zeitgenössische Aufnahme

Nachkriegszeit und heutige Nutzung

Das Haus wurde in den Jahren 1927/28 von Carl Fieger errichtet. 1928 verließ er Dessau, um mit Walter Gropius in Berlin zusammenzuarbeiten. Von 1945 bis 1960 bewohnten Carl Fieger und seine Frau Dora das Haus.

Es blieb bis zu Fiegers Tod in seinem Besitz, wurde jedoch kurz darauf von seiner Frau verkauft.

Der neue Eigentümer fügte an der Ostfassade einen Raum und eine Garage hinzu. Ansonsten blieb die ursprüngliche Struktur jedoch unverändert.

Das Haus befindet sich bis heute in Privatbesitz und kann nicht besichtigt werden.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert