Dessau: Haus Anton

Haus Anton, 1926. Architekt: Walter Gropius. Foto: Daniela Christmann
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1926

Architekt: Walter Gropius

Doppelreihe 35, Dessau-Roßlau

Das Haus Anton mit einer Wohnfläche von etwa 75 Quadratmetern und einem 450 Quadratmeter großen Grundstück gehört zur Siedlung Dessau-Törten und wurde nach Entwürfen von Walter Gropius errichtet. Wie im gesamten Deutschen Reich während der Weimarer Republik litt auch Dessau in den 1920er Jahren unter einer akuten Wohnungsnot.

Die Stadtverwaltung erhoffte sich vom Bauhaus Ideen für kostengünstiges Bauen. Walter Gropius wollte dieses Ziel durch industrialisierte Bauprozesse erreichen, denn die Bauwirtschaft war zur damaligen Zeit noch weitgehend handwerklich geprägt.

Die Siedlung Törten

Die 314 Reihen- und Doppelhäuser der Siedlung Törten wurden von 1926 bis 1928 im Auftrag der Stadt Dessau gemäß dem Reichsheimstättengesetz als Reaktion auf den Wohnungsmangel in der Weimarer Republik gebaut und über die Hauszinssteuer finanziert.

Jedes Haus verfügte über einen 350–400 m² großen Nutzgarten zur Selbstversorgung (Gemüseanbau, Kleintierhaltung).

Den Auftrag für die Planung und Realisierung des ersten Bauabschnitts erhielt das private Baubüro von Walter Gropius und nicht das Bauhaus Dessau.

Das Bauhaus verfügte zu diesem Zeitpunkt aus finanziellen Gründen noch nicht über eine eigene Bauabteilung, die solche Aufträge hätte übernehmen können. Die Werkstätten und Studierenden des Bauhauses waren je nach Bedarf und Aufgabe aber an der Planung beteiligt.

1930 schrieb Walter Gropius: „sämtliche entwürfe und baupläne entstanden in meinem privatatelier; trotzdem veröffentliche ich die bauten unter dem namen „bauhausbauten“. denn die öffentlichkeit sah in ihnen mit recht die frucht des ständigen geistigen austausches, der im bauhaus herrschte und meister und werkstätten hatten überdies wesentliche gebiete der einrichtung selbständig geplant und durchgeführt“ (Bauhausbauten Dessau, München 1930, Bauhausbücher 12, S. 12)

In einer Fußnote nennt Gropius auch die Architekten, die in seinem Baubüro an Planung und Ausführung der Bauhaus-Bauten mitwirkten: Carl Fieger, Friedrich Hirz, Max Krajewski, Fritz Levedag, Otto Meyer-Ottens, Ernst Neufert, Heinz Nösselt, Richard Paulick, Herbert Schipke, Bernhard Sturtzkopf, Franz Throll, Walter Tralau, Hans Volger.

Walter Gropius verfolgte das ehrgeizige Ziel, am Tag der Eröffnung des Bauhausgebäudes am 4. Dezember 1926 neben den Meisterhäusern auch die ersten Siedlungshäuser der Öffentlichkeit vorzustellen.

Tatsächlich konnten schon zwei Musterwohnungen besichtigt werden. Die Innenausstattung einer Wohnung stammte aus den Werkstätten des Bauhauses, unter anderem von Marcel Breuer. Die andere Wohnung war zum Vergleich mit konventionellen Möbeln eingerichtet.

Haus Anton, 1926. Architekt: Walter Gropius. Foto: Daniela Christmann

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Haus Anton, 1926. Architekt: Walter Gropius. Foto: Daniela Christmann

Haus Anton, 1926. Architekt: Walter Gropius. Foto: Daniela Christmann

Haustyp

Haus Anton gehört zum Typ „SieTö I” (auch „sietö 1”), dem ersten der drei realisierten Haustypen der Siedlung. Es wurde ab Mitte September 1926 gebaut.

Die Bezeichnung „sietö” steht in einer Reihe mit anderen Bauhausprodukten wie „ti” für Objekte aus der Tischlerei oder „me” aus der Metallwerkstatt. Diese technische Anonymisierung der Produktnamen war ein Markenzeichen der industriellen Massenfertigung und üblich für diese Zeit.

Die Entscheidung der Stadt Dessau, 60 neue Siedlungshäuser am Stadtrand in der Nähe des Dorfs Törten zu errichten, fiel am 25. Juni 1926.

Ein dritter geplanter Typ, SieTö III, wurde nie realisiert, während die weiteren Typen SieTö II (1927) und SieTö IV (1928) folgten.

Konstruktion

Es handelt sich bei Haus Anton um einen Stahlbetonskelettbau mit Wänden aus vorgefertigten Hüttenschlackenbeton-Bausteinen und Decken aus Stahlbetonbalken.

Der Bauplatz wurde bewusst wegen des sandig-kiesigen Untergrunds gewählt, da dieser günstig für den Betonbau war und geringere Transportkosten verursachte.

Die Bauteile wurden vor Ort vorgefertigt und per Feldbahn und Kränen transportiert. Die Deckenmontage eines einzelnen Raums soll nur rund 45 Minuten gedauert haben, was Gropius‘ Interesse an serieller, arbeitsteiliger Bauorganisation zeigt.

Die Rationalisierung des Bauprozesses in der Siedlung Törten dokumentiert der 1926 entstandene Film „Das Bauhaus in Dessau und seine Bauweise“ (uraufgeführt am 4.12.1926 in Dessau, Kamera: Rolf von Botescu, Produktion: Humboldt-Film GmbH, 6. Teil des Dokumentarfilmprogramms „Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich?“ Regisseur: Richard Paulick, Drehbuch/Konzept nach Walter Gropius)

Grundriss und Fassade

Die Tö-I-Häuser sind als Doppelhäuser konzipiert, die durch eine Brandmauer getrennt sind. Diese tritt erst auf Höhe der Fensterbank des Erdgeschosses aus der Fassadenflucht heraus, was ein bewusst gesetztes gestalterisches Detail von Gropius ist.

Im Erdgeschoss liegt das Wohnzimmer zur Straße und die Küche zum Garten. Hinter der Küche befindet sich ein Stall mit integrierter Toilette. Im Obergeschoss liegt ein weiterer Raum zur Straße sowie zwei Räume zum Garten. Über dem Stall befindet sich eine Dachterrasse.

Insgesamt stehen rund 75 m² Wohnfläche zur Verfügung, zuzüglich Keller. Im Vergleich zu den späteren Typen ist dies recht großzügig bemessen.

Die Fassade ist weiß verputzt und verfügt über horizontale und vertikale Fensterbänder aus Stahlfenstern sowie einen mit Glasbausteinen gestalteten Eingangsbereich.

Haus Anton, 1926. Architekt: Walter Gropius. Foto: Daniela Christmann

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Haus Anton, 1926. Architekt: Walter Gropius. Foto: Daniela Christmann

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Haus Anton

Das Haus ist nach seiner langjährigen Bewohnerfamilie, Anton, benannt. Die letzte Bewohnerin war Hedwig Anton.

1927 zog die Familie mit ihrer damals 21-jährigen Tochter Hedwig in das Haus. Sie zahlten 9.200 Reichsmark (das entspricht heute 28.520 Euro) für das 450 Quadratmeter große Grundstück mit dem etwa 70 Quadratmeter großen Haus.

„Es war, als ob ich in ein Schloss ziehe”, erinnerte sich die 91-jährige Hausbewohnerin im Jahr 1997. Im Erdgeschoss befindet sich linkerhand das Wohnzimmer, dahinter die Küche. Letztere hatte die Familie Anton niemals verändert. Der mit Holz zu beheizende Küchenherd, der Warmwasserkessel und die Sitzbadewanne mit einer klappbaren Holzabdeckung sind erhalten geblieben.

Wenige Schritte weiter gelangt man in die Nebenräume: den Stall und das WC, ein „Metroclo'“ (Das bauzeitliche „Metroclo“ im Haus Anton geht auf ein System von Leberecht Migge für Trockentoiletten zurück. Diese Toiletten wurden mit Torfmull bestreut, waren nicht an die Kanalisation gebunden und somit niedrig in den Anschaffungskosten.), das Torf, Kot und Urin vermischte, die später als Dünger im Garten Verwendung fanden.

Über eine Holztreppe gelangt man in die erste Etage zu drei Zimmern und einer großzügigen Terrasse, die den Blick auf den Garten freigibt.

Im Haus steht noch heute der Küchenschrank, den sich das Ehepaar Anton 1906 zur Hochzeit kaufte.

Einige Tapeten und Farbanstriche aus der Zeit der Familie Anton sind bis heute erhalten geblieben.

Haus Anton, 1926. Architekt: Walter Gropius. Foto: Daniela Christmann

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Haus Anton, 1926. Architekt: Walter Gropius. Foto: Daniela Christmann

Haus Anton, 1926. Architekt: Walter Gropius. Foto: Daniela Christmann

Sanierung und heutiger Zustand

Nach Gropius‘ Weggang aus Dessau kam es wegen Bau- und Dämmmängeln (unzureichende Wärme- und Schalldämmung, Kondensationsprobleme) zu zahlreichen Umbauten in der Siedlung Törten.

Dazu zählen Ziegelverblendung, Austausch der Stahlfenster gegen kleinere Holzfenster, Vordächer über den Eingängen sowie die spätere Modernisierung der Haustechnik, Garagen- und Anbauten.

1977 wurde die Siedlung unter Denkmalschutz gestellt und 1994 trat eine Gestaltungssatzung der Stadt Dessau in Kraft, welche unter anderem das reduzierte Farbkonzept von Gropius sichert.

Nach dem Tod von Hedwig Anton wurde das Haus in den Jahren 2011/2012 denkmalgerecht saniert und ging anschließend in den Besitz der Stiftung Bauhaus Dessau über. Die Wiedereröffnung als Besichtigungsobjekt erfolgte im April 2012.

Das historische Stahlfensterband, das in den 1920er Jahren alle Häuser des Straßenzuges prägte, war 2012 wiederhergestellt worden. Daneben hatte man die Glasbausteine im Eingangsbereich sowie Mustermöbel rekonstruiert. Erhalten geblieben sind Details wie die Badewanne in der Küche.

Haus Anton, 1926. Architekt: Walter Gropius. Foto: Daniela Christmann

Haus Anton, 1926. Architekt: Walter Gropius. Foto: Daniela Christmann

Haus Anton, 1926. Architekt: Walter Gropius. Foto: Daniela Christmann

Haus Anton, 1926. Architekt: Walter Gropius. Foto: Daniela Christmann

Welterbestatus

Die Siedlung Dessau-Törten ist Bestandteil der UNESCO-Welterbestätte „Bauhaus und seine Stätten in Weimar, Dessau und Bernau“, die ursprünglich 1996 eingetragen wurde.

2017 wurde die Welterbeliste um die Laubenganghäuser ergänzt. Diese stellen einen separaten Bautyp innerhalb der Siedlung dar und sind unter Hannes Meyer entstanden.

Das Haus Anton kann im Rahmen von Führungen besichtigt werden.

 

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