
Tagblatt-Turm, 1924-1928. Architekt: Ernst Otto Oßwald. Zeitgenössische Ansichtskarte

Tagblatt-Turm, 1924-1928. Architekt: Ernst Otto Oßwald. Foto: Daniela Christmann

Tagblatt-Turm, 1924-1928. Architekt: Ernst Otto Oßwald. Foto: Daniela Christmann
1924 – 1928
Architekt: Ernst Otto Oßwald
Eberhardstraße 61, Stuttgart
Der denkmalgeschützte Tagblatt-Turm in Stuttgart wurde von 1924 bis 1928 nach Plänen des Architekten Ernst Otto Oßwald im Stil der Neuen Sachlichkeit errichtet.
Hochhaus und Hochhausdebatte
Der 18-geschossige, 61 Meter hohe Stahlbetonturm ist eines der wenigen gebauten Beispiele der seit 1920 geführten Hochhausdebatte in der Zeit der Weimarer Republik.
Gemeinsam mit dem 1960 abgerissenen Kaufhaus Schocken von Erich Mendelsohn bildete es ein Ensemble des Neuen Bauens in der Stuttgarter Innenstadt.
Carl Esser, der Verleger des Stuttgarter Neuen Tagblattes, wollte auf dem Grundstück in der Stuttgarter Innenstadt in der Eberhardstraße sowohl die Druckerei als auch die Redaktion seiner Zeitung unterbringen.
Mit dem Entwurf beauftragte er den Stuttgarter Architekten Ernst Otto Oßwald.
Das Grundstück bot sich durch seine Lage für einen Hochhausbau geradezu an.
Oßwald konnte in diesem Zusammenhang auf die 1921 von den Architekten Richard Döcker und Hugo Keuerleber geführte Debatte „Hochhäuser für Stuttgart” verweisen.
Entwurf
Aus städtebaulicher Sicht war der Kreuzungspunkt zwischen Eberhard- und Torstraße der ideale Ort für einen solchen Bautyp: An dieser Stelle weitete sich der Straßenraum und die abknickende Eberhardstraße erhielt durch ein Hochhaus einen eindeutigen Schlusspunkt.
Der Entwurf des Turms basiert auf einem L-förmigen Grundriss, der erst im Anschluss an das Gebäude Torstraße 29 breiter wird und den Hof teilweise überbaut.
Oßwald entwarf die Geschosse des Turms mit offenem Grundriss und flexibler Raumaufteilung, die nur durch leichte Glaseinbauten unterteilt ist. Lediglich die Positionen der Treppenhäuser, der Aufzüge (ein Schnellaufzug und ein Paternoster) und der Sanitärräume waren festgelegt.
Das erste Baugesuch wurde am 3. März 1926 eingereicht.
Geplant waren 16 Vollgeschosse mit einer Gesamthöhe von 55,80 Metern.
Stadtbild Stuttgart
Die Bauordnung der Stadt Stuttgart sah für die Torstraße zu dieser Zeit eine maximale Gebäudehöhe von 20 Metern beziehungsweise fünf Vollgeschossen vor.
Entsprechend schwer tat sich die Stadtverwaltung mit der Genehmigung des Baus.
Der Entscheidungsprozess war ein Abwägen der Möglichkeiten unter Berücksichtigung der Weiterentwicklung des Stuttgarter Stadtbildes.
Aufgrund der zunehmenden Bebauung der Stuttgarter Hanglagen und der insgesamt höheren Bauweise in der Innenstadt ragten die Kirchtürme und der neue Bahnhofsturm optisch nur noch wenig aus der dichten Dachlandschaft hervor.
Umso mehr wurde die Bedeutung des Tagblatt-Turms als Orientierungspunkt für die Stadt betont.
Ideenwettbewerb
Um ihrer Verantwortung gerecht zu werden, beschritt die Bauabteilung des Stuttgarter Stadterweiterungsamtes einen ungewöhnlichen Weg: Sie beauftragte die Architekten Paul Bonatz, Hugo Keuerleber und Heinz Wetzel mit einem Ideenwettbewerb als Gutachten zur Verbesserung und Ergänzung des Osswaldschen Entwurfs.
Eine Sachverständigenkommission kam gemeinsam mit dem Architekten Richard Döcker zu dem Ergebnis, dass keiner der geladenen Architekten dieser Aufgabe gerecht geworden sei.
Um die andauernden Diskussionen über die Gebäudehöhe zu beenden, war der Tagblatt-Verlag im November 1926 bereit, zugunsten einer zügigen Genehmigung auf zwei Geschosse zu verzichten.
Im neuen Entwurf endeten die Vollgeschosse in einer Höhe von 49,30 Metern und die zurückgesetzten Halbgeschosse in einer Höhe von 53,80 Metern.
Der Gemeinderat stimmte nach langen Diskussionen um das Für und Wider von Hochhausbauten in öffentlicher Sitzung mit 33 zu 22 Stimmen zu.
Konstruktion
Am 15. Februar 1927 wurde die Genehmigung für ein fünfzehn Voll- und zwei Halbgeschosse umfassendes Hochhaus aus Eisenbeton erteilt.
Für die Außenfassaden wurde eine gestockte Betonoberfläche aus einem Porphyrschotter- und Rheinkiesgemisch vorgeschlagen, um einen hellen, warmen Farbton zu erzielen.
Die Fensterpfeiler waren aus hart gebranntem, hellem Backsteinmauerwerk vorgesehen.
Die veranschlagten Baukosten beliefen sich auf rund 800.000 Mark.
Der Baugrund stellte sich jedoch als Herausforderung heraus: Probebohrungen ergaben in acht Metern Tiefe fließendes, gipshaltiges Grundwasser sowie große Mengen Schlammablagerungen des ehemaligen Stadtgrabens.
Da die Bodenbeschaffenheit der einzelnen Bereiche des Grundstücks sehr unterschiedlich war, musste eine Pfahlgründung geplant werden.
Die vorgesehenen Pfähle sollten auf einer in elf Metern Tiefe liegenden, tragfähigen Kiesschicht stehen.
Die eigentlichen Bauarbeiten begannen am 16. April 1927, und nach vier Monaten war die Pfeilergründung bis unter eine 1,50 Meter dicke Eisenbetonbodenplatte fertiggestellt.
Fassade
Im August 1927 wurde ein Nachtragsbaugesuch zur Anbringung einer Lichtreklame eingereicht.
Ab dem achten Obergeschoss sollten Balkone als zweite Rettungswege angebracht werden.
Aufgrund der veränderten Fundamente mussten die Fensterpfeiler Lasten tragen und sollten deshalb statt aus Mauerwerk aus Eisenbeton bestehen.
Zur Gliederung der Fassade waren diese Pfeiler aus schwarzgrauem, geschliffenem Eisenbeton mit Basalt und Rheinsand als Zuschlagstoffen vorgesehen.
Als im November 1927 durch den Baufortschritt die Wirkung des Turmes schon erkennbar wurde, beantragte Oßwald die Genehmigung eines weiteren Vollgeschosses sowie eines höheren Aufbaus zur Unterbringung der Aufzugsmaschinen.
Da der Baufortschritt die beste Werbung war, wurde die Gesamthöhe von 61 Metern genehmigt.
Am 17. März 1928 war der Rohbau fertiggestellt. Gleichzeitig mit dem Betonieren der oberen Geschosse begann in den unteren Etagen bereits der Einbau der leichten Glastrennwände sowie der Installationen und elektrischen Anlagen.
Lichtanlage
Die Planung der Konturenbeleuchtung, der sogenannten AEG-Moorelichtanlage, bedeutete die Vollendung des Entwurfs. Sie wurde im Mai 1928 genehmigt.
Sie verlieh dem Turm eine spektakuläre Nachtwirkung. Tausende von Neonlampen zeichneten die Gebäudelinien nach und streckten den Turm optisch zusätzlich in die Höhe.
Am 5. November 1928 wurde der Tagblatt-Turm eingeweiht.
Das Gebäude war nach modernsten Maßstäben eingerichtet, unter anderem mit Warmwasserheizung, Doppelfenstern, einem Müllabwurfschacht und einem Briefabwurfschacht, der direkt in den Kasten der Reichspost im Foyer führte.
Nachkriegsjahre und heutige Nutzung
Der Tagblatt-Turm überstand den Zweiten Weltkrieg relativ unbeschadet. Die nötigen Reparaturarbeiten wurden in der Nachkriegszeit unter der Bauleitung von Ernst Otto Oßwald selbst ausgeführt.
Bis 1976 blieb die Zeitung in den Räumen an der Eberhardstraße, dann zog sie in das neue Pressezentrum nach Möhringen.
Im Jahr 1978 wurde der Turm unter Denkmalschutz gestellt.
Ein Jahr später kaufte die Stadt Stuttgart den Tagblatt-Turm und baute die Räume zum Kulturzentrum „Kultur unterm Turm” aus.
Seit Mai 2004 nutzen fünf Kultureinrichtungen die Räumlichkeiten der ehemaligen Druckerei und des Turms: das Zentrum für Figurentheater FITZ, das Theater tri-bühne, das Junge Ensemble Stuttgart (JES), der Museumspädagogische Dienst mu*pä*di (heute kubi-S) der Stadt Stuttgart und die Jugendkunstschule JuKuS.

Tagblatt-Turm, 1924-1928. Architekt: Ernst Otto Oßwald. Foto: Daniela Christmann

Tagblatt-Turm, 1924-1928. Architekt: Ernst Otto Oßwald. Foto: Daniela Christmann

Tagblatt Turm, 1924-1928. Architekt: Ernst Otto Oßwald. Foto: Daniela Christmann
