Rotterdam: Van-Nelle-Fabrik

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela ChristmannVan-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

1925 – 1930

Architekt: Leendert van der Vlugt, Mitarbeit: Johannes Andreas Brinkman (Bauingenieur), Jan Gerko Wiebenga (Bauingenieur)

Van Nelleweg 1, Rotterdam, Niederlande

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Zeitgenössisches Foto

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Zeitgenössisches Foto

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Geschichte

Die zwischen 1925 und 1930 erbauten Gebäudekomplexe auf dem etwa 10 Hektar großen Fabrikgelände wurden vom Architekten Leendert van der Vlugt vom Büro Brinkman & Van der Vlugt in Zusammenarbeit mit den Bauingenieuren Johannes Brinkman und Jan Gerko Wiebenga entworfen.

Der Fabrikkomplex ist ein Beispiel für das sogenannte „Nieuwe Bouwen”, die niederländische Variante des modernen Bauens.

Auftraggeber war Cees van der Leeuw, Miteigentümer der Firma Van Nelle. Van der Leeuw und die beiden Geschäftsführer Matthijs de Bruyn und Albertus Hendrikus Sonneveld waren von den Fähigkeiten Van der Vlugts so beeindruckt, dass sie ihn zwischen 1928 und 1932 auch mit dem Entwurf und Bau ihrer Privathäuser in Rotterdam (Huis Sonneveld) und im nahegelegenen Schiedam beauftragten.

Im 20. Jahrhundert befand sich in dem Gebäude eine Fabrik, in der Kaffee, Tee und Tabak sowie später auch Kaugummi, Zigaretten, Instantpudding und Reis verarbeitet wurden.

1989 wurde Van Nelle von Sara Lee/Douwe Egberts gekauft und die Marke Van Nelle an Douwe Egberts Nederland übertragen. Alle Produktionsstätten von Van Nelle wurden 1996 geschlossen. Im Jahr 1998 erwarb die Imperial Tobacco Group die Tabaksparte von Douwe Egberts Van Nelle.

Brinkman & Van der Vlugt

Michiel Brinkman legte den Grundstein für die Architekturgemeinschaft Brinkman & Van der Vlugt, als er sich 1910 mit einem eigenen Büro selbstständig machte. Nach seinem Tod führte sein Sohn Johannes Andreas gen. Jan Brinkman diese Arbeit fort und gründete gemeinsam mit Leendert van der Vlugt die Partnerschaft.

Die gemeinsame Schaffenszeit von Brinkman & Van der Vlugt beschränkte sich auf die Jahre 1925 bis 1936, da Leendert van der Vlugt am 25. April 1936 verstarb.

Ihre Entwürfe reichen vom Industrie- und Bürobau bis hin zum Wohnungsbau und sind somit unterschiedlichen Bautypen zugeordnet.

Willem Kromhout

Van der Vlugt profitierte bereits während seines Studiums von der Lehre Willem Kromhouts, der zu dieser Zeit neben Hendrik Petrus Berlage wichtige Bauwerke schuf. Kromhout war in vielerlei Hinsicht eine Inspiration, insbesondere in Bezug auf seine Herangehensweise am Entwurfsprozess. Seine Denkweise über Entwurf und Planung ließe sich als ein niemals endender Entwicklungsprozess beschreiben.

Vor dem Zusammenschluss mit Jan Brinkman arbeitete Van der Vlugt in Kromhouts Büro. „It was from Kromhout that Van der Vlugt learnt how to analyse both the broad outline and the details of a commission as well as seeking a balance between these, and also how to recognise the significance of details.“ (Joris Molenaar, „Voorbij een dor functionalisme: Woonhuis Sonneveld van Brinkman & Van der Vlugt (1929–1933).“) Archis, Nr. 8 (1993), S. 62).

Der Anspruch und die Haltung der Architekten profitierte wesentlich von der Bekanntschaft mit dem Industriellen Cees van der Leeuw, der über ein Jahrzehnt als Bauherr, Ideengeber und intellektueller Gesprächspartner der Architekten fungierte und dessen Einfluss sich unmittelbar in den Ergebnissen der Zusammenarbeit niederschlug.

Van der Leeuw hatte sich zu dieser Zeit zum persönlichen Ziel gesetzt, eine Arbeitsumgebung in seiner Fabrik zu entwickeln, die es den Arbeitern erleichtern sollte, ein Leben lang dort zu arbeiten.

Mart Stam

Mart Stam war von 1926 bis 1928 im Architekturbüro Brinkman en Van de Vlugt angestellt. Als entwerfender Zeichner arbeitete er dort an der Van-Nelle-Fabrik mit. Bereits 1922 war Stam in Berlin mit der russischen Avantgarde in Kontakt gekommen.

Der Einfluss des russischen Konstruktivismus ist bei der Van-Nelle-Fabrik insbesondere an den großen Buchstaben auf den Dächern deutlich erkennbar.

1926, im ersten Jahr seiner Mitarbeit bei Brinkman & Van der Vlugt, organisierte er eine Architekturreise durch Holland für den russischen Künstler El Lissitzky und seine Frau Sophie Küppers, die Sammlerin zeitgenössischer Kunst war. Sie besuchten unter anderen die Architekten Jacobus Oud, Gerrit Rietveld und Cornelis van Eesteren. Laut Sophie Küppers erzählte Mart Stam während dieser Reise von ’seiner‘ Fabrik.

Der Einfluss von Mart Stam zeigt sich am deutlichsten im straffen und funktionalen Charakter der Bauten. Er lehnte sowohl die abgerundete Form des Bürogebäudes als auch die sogenannte Bonbonniere auf dem Dach ab.

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Tabak-, Kaffee- und Teefabrik

Die Van-Nelle-Fabrik wurde von 1926 bis 1931 im Polderbereich am Schuttevaerweg in Schiedam, an der Maas und auf dem Baugrund zwischen dem Schuttevaerweg und dem Gewässer Delfshavense Schie, errichtet. Bereits 1918 war Michiel Brinkman damit beauftragt worden, einen passenden Baugrund zu finden und die Lage der Fabrik mit der Stadtverwaltung Rotterdam abzustimmen.

Vor allem die Möglichkeit, langfristig eine expansive Planung umzusetzen, überzeugte bei der Standortwahl.

Die Lage im Spaanse Polder brachte jedoch auch Schwierigkeiten bei der Vorbereitung des Baugrunds mit sich. Dies stellte Jan Brinkman, der das Bauvorhaben 1925 von seinem Vater Michiel übernommen hatte, vor eine große Herausforderung. Er entwickelte schließlich eine neue Methode, um das Polderland für das Bauwerk tragfähig zu machen.

Hierzu wurde der Sand mit Saugbaggern aus dem Rotterdamer Hafen gepumpt. Über lange Rohrleitungen gelangte er auf die Baustelle, wo er in einzelne, durch kleine Deiche voneinander getrennte Polderabschnitte floss.

Auf diese Weise wurde das Gelände angehoben. Für den Beginn der Bauarbeiten mussten sich der Sand und die Torfschichten jedoch erst wieder absetzen und verfestigen.

Für die Gründung des Produktionsgebäudes nutzten Brinkman & Van der Vlugt die Erfahrung des Ingenieurs Jan Gerko Wiebenga, welcher neue Ansätze von seiner Arbeit in Amerika mitbrachte, und gründeten die Gebäude mit Stahlbetonstützen.

Baukörper

Vom östlichen Zugang des Geländes aus gesehen setzt sich das Ensemble aus mehreren Baukörpern wie folgt zusammen: Zur Linken befindet sich das zweigeschossige, bogenförmige Bürogebäude, daran anschließend der aus mehreren Teilen bestehende Produktionsbereich.

Gegenüber liegt das ebenfalls zweigeschossige Logistikgebäude, das direkt am Ufer der für den Rotterdamer Handel und die Schifffahrt wichtigen Maas steht.

Bemerkenswert sind die schräg verlaufenden Transportbrücken zwischen Produktionsbereich und Logistikgebäude. In Bildpublikationen der Van-Nelle-Fabrik sind sie zu einem markanten Merkmal geworden.

Der Produktionsbereich der Fabrik selbst erstreckt sich als langgezogener Gebäuderiegel.

Die Konstruktion des Bauwerks besteht oberhalb der Fundamente aus Stahlbetonstützen und einer Vorhangfassade.

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Fabrik

Die eigentliche Fabrik besteht aus drei Gebäuden gestaffelter Höhe: einem achtstöckigen Gebäude für Tabak, einem fünfstöckigen Bereich für Kaffee mit einem doppelt so hohen Zwischengeschoss und einem dreistöckigen Bereich für Tee. Diese drei Fabrikbereiche sind durch dazwischenliegende Gebäude miteinander verbunden, in denen sich Treppen, Toiletten, Waschräume und Aufzüge befinden.

Jeder Treppenturm hat eine individuelle Form. Im hinteren Teil des Tabakbereichs befindet sich ein Lagerhaus mit Satteldach. Alle drei Bereiche grenzen an einen Hauptversorgungsweg und sind durch Brücken, das Markenzeichen der Fabrik, mit Versand- und Lagerräumen, einem Fahrradunterstand, einem Heizungsraum und Werkstätten verbunden.

Die Betonbodenplatten der Fabrik werden von pilzförmigen Betonsäulen getragen, sodass die Fassaden freitragend sind. Dies wird durch durchgehende Fensterbänder unterstrichen, die die Arbeitsbereiche mit Tageslicht durchfluten.

Die Bonbonniere ist der Name für den runden Teeraum auf dem Dach der Van-Nelle-Fabrik. Dort wurden früher Ehrengäste begrüßt.

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Innenräume

Die Möbel und die Beleuchtung wurden vom niederländischen Unternehmen Gispen geliefert. Sowohl im Außen- als auch im Innenbereich wurde nur eine begrenzte Farbpalette verwendet. Dabei dominieren Weißtöne, während Aluminiumfarben, Chrom sowie Rot-, Gelb- und Blautöne (neben Grau- und Schwarztönen) für kräftige Farbakzente sorgen.

Die Einrichtung der hellen Räume ist von einer strengen, funktionalistischen Ästhetik geprägt: ursprünglich ebene Böden mit Linoleum-, Holzgranit- oder Fliesenoberflächen, Wandverkleidungen, Stahlrohrmöbel, farbige Glasfensterbänke und Schaltertheken sowie runde Deckenleuchten. Die überwiegend rechteckigen Formen werden an markanten Stellen durch Rundungen aufgelockert.

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Bürogebäude

Den Eingang zum Gelände markiert ein freistehendes Bürogebäude, dessen Fassade der Kurve der Zufahrtsstraße folgt.

Darin befinden sich die Büros der Geschäftsleitung. Die übrigen Räume sind in einer rechtwinklig zur Zufahrtsstraße angeordneten Reihe untergebracht. Die beiden Gebäudeteile sind durch einen doppelt so hohen, offenen Bürobereich mit verglasten Trennwänden und Kabinen verbunden.

Es sind gerade diese von Van der Vlugt stammenden Elemente, die dem funktionalistischen Meisterwerk seine architektonische Qualität verleihen. Die Kombination aus sachlichem Funktionalismus und einer humanistischen Auffassung von Architektur – eine Herangehensweise, die Van der Vlugt mit Jan Duiker teilte – führte zu einem Höhepunkt der niederländischen Moderne.

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Van-Nelle-Fabrik, 1925-1930. Architekt: Leendert van der Vlugt. Foto: Daniela Christmann

Unesco-Weltkulturerbe

Der Komplex steht seit 1986 als Rijksmonument unter Denkmalschutz und ist seit dem 21. Juni 2014 UNESCO-Weltkulturerbe.

Die Fabrikgebäude wurden in den Jahren 1998 bis 2004 und 2000 bis 2006 saniert, nachdem Van Nelle ausgezogen war. Heute beherbergen sie eine sogenannte „Designfabrik”.

Auch die Nebengebäude und das Kesselhaus wurden saniert und werden heute als Räume für Architekturbüros sowie als Zweigstelle des Niederländischen Architekturinstituts genutzt.

Die ursprünglich fein detaillierte Portiersloge und die Eingangstore im sachlichen Stil wurden 1982 durch die heutigen, nicht denkmalgeschützten Einrichtungen ersetzt.

Im Jahr 1991 wurden die südöstlichsten Werkstattflügel abgerissen, um Platz für ein Kaffeesilo zu schaffen, das von M. Booy vom Architekturbüro Van den Broek en Bakema entworfen wurde.

 

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