1928 – 1929
Architekt: Hans Poelzig
Rosa-Luxemburg-Straße 30, Hirtenstraße 6, Weydingerstraße 2, 6, 10, Berlin
Scheunenviertel
Anfang des 20. Jahrhunderts entstand im Rahmen der Erneuerung des sogenannten Scheunenviertels im Ortsteil Mitte des gleichnamigen Bezirks durch den Abriss alter Quartiere, die vorwiegend von sozial schwachen Bevölkerungsschichten bewohnt waren, ein Areal, auf dem ein dreieckiger Platz angelegt wurde.
In den Jahren 1913–1915 ließ die Freie Volksbühne Berlin ihr erstes eigenes Haus auf dem Bülowplatz durch den Architekten Oskar Kaufmann errichten.
Im Verlauf seiner hundertjährigen Geschichte wurde die Gestalt des Rosa-Luxemburg-Platzes maßgeblich von den Umbrüchen in der deutschen Geschichte geprägt. Er wurde als Babelsberger Platz errichtet und hieß von 1910 bis 1933 Bülowplatz. Zwischen 1933 und 1945 trug er den Namen Horst-Wessel-Platz, danach Liebknechtplatz. Ab 1947 wurde er Luxemburgplatz genannt und trägt seit 1969 den Namen Rosa-Luxemburg-Platz.
Bülowplatz
Während des Ersten Weltkriegs und in der Inflationszeit kamen alle Neubauaktivitäten zunächst zum Erliegen. 1925 sollte ein städtebaulicher Architektenwettbewerb neue Impulse bringen. In dessen Folge wurden im Auftrag des Bauherrn Alfred Schrobsdorff von 1927 bis 1929 mehrere Wohn- und Geschäftshäuser nach dem Entwurf des Architekten Hans Poelzig ausgeführt – in einem von ihnen wurde am 11. April 1929 das Kino Babylon eröffnet.
Insgesamt entstanden bis 1929 acht Baublöcke als Platzrandbebauung mit insgesamt 170 Wohnungen und etwa 80 Läden.
Auf das Ergebnis des Wettbewerbs ging auch das Projekt der Stadtverwaltung zurück, nach Plänen von Richard Ermisch zwei an die Volksbühne anschließende Flügelbauten zu errichten. Diese sollten unter anderem eine Volkshochschule, ein Stadtarchiv und eine Stadtbibliothek beherbergen. Der Bau sollte im Sommer 1929 beginnen, das Projekt verzögerte sich jedoch, bis die Weltwirtschaftskrise derartige Investitionen unmöglich machte.
Gebäudeensemble
Das einzig erhaltene Gebäudeensemble von Hans Poelzig in Berlin besteht heute aus einem zusammenhängenden Quartier zwischen Hirtenstraße, Kleiner Alexanderstraße und Weydingerstraße. Dazu gehören das Kino Babylon in der Rosa-Luxemburg-Straße 30, die angeschlossene Wohnanlage Kleine Alexanderstraße 1–4 sowie die beiden Eckbebauungen in der Weydingerstraße 18 und 20 bis 22.

Wohnbebauung mit Kino Babylon, 1928-1929. Architekt: Hans Poelzig. Foto: Daniela Christmann

Wohnbebauung mit Kino Babylon, 1928-1929. Architekt: Hans Poelzig. Foto: Daniela Christmann

Wohnbebauung mit Kino Babylon, 1928-1929. Architekt: Hans Poelzig. Foto: Daniela Christmann

Wohnbebauung mit Kino Babylon, 1928-1929. Architekt: Hans Poelzig. Foto: Daniela Christmann

Wohnbebauung mit Kino Babylon, 1928-1929. Architekt: Hans Poelzig. Foto: Daniela Christmann
Der verbindende Charakter der breit gelagerten, horizontal gegliederten Bauten entsteht durch den geradlinigen Aufriss, der nach oben in einer weit ausladenden Gesimsplatte seinen Abschluss findet. Darüberhinaus sind fast alle Gebüdeecken gerundet und mit ebenso gerundeten Balkonen versehen.

Wohnbebauung mit Kino Babylon, 1928-1929. Architekt: Hans Poelzig. Foto: Daniela Christmann

Wohnbebauung mit Kino Babylon, 1928-1929. Architekt: Hans Poelzig. Foto: Daniela Christmann

Wohnbebauung mit Kino Babylon, 1928-1929. Architekt: Hans Poelzig. Foto: Daniela Christmann

Wohnbebauung mit Kino Babylon, 1928-1929. Architekt: Hans Poelzig. Foto: Daniela Christmann

Lageplan
Lichtspieltheater
Das in die Blockbebauung integrierte Lichtspieltheater bot ursprünglich Platz für 1.200 Zuschauer. Poelzig setzte sein Konzept der Raumgestaltung im Inneren gezielt fort.
Die Unterstützung des Raumeindrucks durch die farbige Gestaltung wird in zeitgenössischen Quellen wie folgt beschrieben:
„Aus einem geräumigen, in grau, rot und gelb gehaltenen Vestibül, von dem zwei breite Treppen zur Empore hinaufführen, gelangt man in den stattlichen Zuschauerraum, dem ohne jeden Aufwand an Schmuckformen lediglich durch farbige Behandlung eine warme und behagliche Stimmung gegeben ist. Wand und Decke sind in einem fein abgetönten Gelb gehalten, die Rangnische und die Parkettlogen sind rot herausgestrichen und mit schmalem kupferfarbenem Band abgesetzt, die Brüstung des Gestühls ist blau, das Gestühl mit einem Samt von gleicher Farbe bespannt. Das Holzwerk der Türen und die Vergitterung der Heizung und Lüftung sind rot gestrichen. Das Theater ist mit einer kleinen Bühne eingerichtet. Die Bühnenöffnung ist zu beiden Seiten von den Prospekten der Orgel umrahmz, die aus einem einfachen Gitterwerk von rotgestrichenen hölzernen Stäben gebildet werden“. (Behrendt, Walter Curt, Die Bebauung des Scheunenviertels, in: Zentralblatt der Bauverwaltung 49(1929), Seite 285-287)
Im Lichtspielhaus, das ursprünglich als Stummfilmtheater errichtet wurde, sind die restaurierte Kinoorgel sowie die auf das Stummfilmformat ausgelegte kleine Leinwand mit dem Bühnenportal aus dem Jahr 1929 erhalten geblieben. Die Kinoorgel ist heute wieder voll funktionsfähig.

Wohnbebauung mit Kino Babylon, 1928-1929. Architekt: Hans Poelzig. Foto: Daniela Christmann

Wohnbebauung mit Kino Babylon, 1928-1929. Architekt: Hans Poelzig. Foto: Daniela Christmann

Wohnbebauung mit Kino Babylon, 1928-1929. Architekt: Hans Poelzig. Foto: Daniela Christmann

Wohnbebauung mit Kino Babylon, 1928-1929. Architekt: Hans Poelzig. Foto: Daniela Christmann

Wohnbebauung mit Kino Babylon, 1928-1929. Architekt: Hans Poelzig. Foto: Daniela Christmann
Sanierung Kinosaal und Foyer
Von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs blieben der Babylonblock und die beiden Eckbebauungen an der Weydinger Straße weitgehend verschont.
Obwohl das Foyer und der Kinosaal von Poelzig beim Umbau 1948 in seiner ovalen Form mit ausgerundeten Übergängen zur Decke und der schmalen Leinwandbühne verändert und überformt wurden, blieben diese Räume in ihrer grundsätzlichen Gestalt erhalten.
Der große Kinosaal ist in der Umgestaltung von 1951/52 erhalten und restauriert. Die zur Verbesserung der Raumakustik notwendige Überdeckung der kannelierten Wände durch eine mit Stoffen bespannte Vorsatzschale nimmt mit ihrem kräftigen Gelb die ursprüngliche Farbgebung von Poelzig auf.
Die für einen zeitgemäßen Kinobetrieb notwendigen Veränderungen und Eingriffe sind deutlich erkennbar. So erhielt der Saal unter anderem eine neue, versenkbare Großleinwand. Im Bereich der Bühne wurde ein zusätzlicher Kinosaal eingerichtet und der hintere Rangbereich als Diskussionsforum abgetrennt.
Wiedereröffnung 2001
Seit der Wiedereröffnung des Kinos im Jahr 2001 präsentiert sich das Foyer wieder in der von Poelzig entworfenen Fassung. Nach Befund wurden die sachliche Gestaltung und die kräftige Farbgebung wiederhergestellt.
