1925 – 1930
Studium und erste Berufserfahrungen in Rotterdam, Amsterdam und Wien
Margarete Schütte-Lihotzky war die Tochter des österreichischen Staatsbeamten und Richters Erwin Lihotzky (1856–1923) und dessen Ehefrau Julie, geborene Bode (1866–1924). Sie war von 1927 bis zur Trennung 1951 mit dem Architekten Wilhelm Schütte verheiratet.
Von 1915 bis 1919 studierte sie Architektur bei Oskar Strnad und Heinrich Tessenow an der Kunstgewerbeschule Wien (heute Universität für angewandte Kunst). Zum Studium gehörte das Fach Möbelgestaltung, wodurch sie eine der Grundlagen für ihren späteren Erfolg mit der Frankfurter Küche erwarb.
Für ihren Wettbewerbsbeitrag „Eine Wohnküche in der äußeren Vorstadt” erhielt sie bereits 1917 den Max-Mauthner-Preis der Handels- und Gewerbekammer. Zwei Jahre später wurde sie als erste Frau mit dem Lobmeyr-Preis der Gesellschaft zur Förderung der Kunstgewerbeschule geehrt.
Niederlande
Beim Abschluss ihres Studiums im Jahr 1919 gehörte Schütte-Lihotzky zu den ersten Architektinnen Österreichs, die ihren Beruf auch ausübten. Im Dezember 1919 begleitete sie ihre Schwester Adele nach Holland. Im Auftrag eines Kinder-Hilfskomitees, das Wiener Kindern einen Erholungsaufenthalt in den Niederlanden ermöglichte, erhielt sie die Gelegenheit, als Betreuerin mitzureisen.
Dort gab sie den Kinder vormittags Zeichenunterricht und nachmittags arbeitete sie im Architekturbüro des Rotterdamer Architekten Melchior Vermeer. Dort entwickelte sie eigenständig Entwürfe für Einfamilien-Reihenhäuser. Daneben besuchte sie Abendkurse bei Hendrik Petrus Berlage über Städtebau.
Im Sommer 1920 kehrte sie nach Wien zurück und wurde für die Wiener Siedlerbewegung tätig: Zunächst arbeitete sie von 1921 bis 1922 bei der „Ersten gemeinnützigen Siedlungsgenossenschaft der Kriegsinvaliden Österreichs“, dann von 1922 bis 1924 im Baubüro des „Österreichischen Vereins für Siedlungs- und Kleingartenwesen“.
Adolf Loos
Bis das Baubüro des Verbands für Siedlungs- und Kleingartenwesen etabliert war, für das Margarete Lihotzky als leitende Architektin arbeiten sollte, arbeitete sie für diverse Siedlungsgenossenschaften, unter anderem zusammen mit den Architekten Adolf Loos und Ernst Egli.
Ihre erste Zusammenarbeit mit Adolf Loos datiert aus dem Jahr 1921: Als seine Mitarbeiterin arbeitete die damals 23-jährige Margarete für die „Erste gemeinnützige Siedlungsgenossenschaft der Kriegsinvaliden Österreichs“ an der Planung der Siedlung „Friedensstadt“ im Lainzer Tiergarten mit. In dieser Zeit entstand auch ihre langjährige Freundschaft zu Adolf Loos.
Daneben arbeitete sie zeitweise für Ernst Egli am Entwurf der Reformsiedlung Eden in Hütteldorf bei Wien (1921–1922) sowie an dem dortigen Kinderheim der „Theosophischen Brüderschaft für Erziehung“.
Begegnung mit Ernst May und Berufung nach Frankfurt
Bereits zu dieser Zeit befasste sie sich im Rahmen ihrer Tätigkeit für das Baubüro des Verbands für Siedlungs- und Kleingartenwesen intensiv mit der Konzeption von Siedlungshäusern. Sie entwickelte Grundrisstypen, entwarf darauf abgestimmte Einheitsmöbel und plante rationelle Küchen. Ihr Konzept für die Siedlerhäuser sah die Trennung der Funktionen in eine Wohn- und eine Spülküche vor.
Als sich der aus Frankfurt am Main stammende Architekt Ernst May, damals Leiter der Schlesischen Heimstätte in Breslau, über die Wiener Siedlungsbauten informierte, führte Grete Lihotzky ihn durch die Stadt. May war von ihrer rationalen Küchenplanung beeindruckt und gab ihr die Möglichkeit, ihre Überlegungen zu Wohnungsbau und moderner Haushaltsführung in der von ihm initiierten Zeitschrift „Schlesisches Heim“ zu veröffentlichen.
Ihr Artikel mit dem Titel „Einiges über die Einrichtung österreichischer Häuser unter besonderer Berücksichtigung der Siedlerbauten” erschien im August 1921.
May war inzwischen Stadtrat für Bauwesen in Frankfurt am Main und berief Lihotzky im November 1925 in die Main-Metropole.


Margarete Schütte-Lihotzky. Zeichnung: Lino Salini, 1927. Historisches Museum Frankfurt
Abteilung T Frankfurt am Main
Ab dem 1. Februar 1926 war sie als erste Architektin im Frankfurter Hochbauamt tätig. In der von Eugen Kaufmann geleiteten Abteilung Typisierung verantwortete sie zunächst die Planung der Typengrundrisse der Siedlung Praunheim.
Für Ernst May, der Margarete Lihotzky aus Wien nach Frankfurt geholt hatte, stand außer Frage, dass sie die Idealbesetzung für diese Abteilung war, denn dort wurde alles geplant, was sich seriell herstellen ließ: von Wohnbauten und Kindergärten über Gartenlauben und Schulküchen bis hin zu allen genormten Bauteilen wie Türen, Fenster und Beschläge für alle städtischen Bauten.
Die Abteilung T wurde von Eugen Kaufmann geleitet, den May aus Südtirol hatte kommen lassen. Neben Grete Lihotzky arbeiteten in der Abteilung T unter anderem die Architekten Ferdinand Kramer aus Frankfurt, Adolf Meyer vom Bauhaus und der Maler und Grafiker Hans Leistikow aus Breslau.

Frankfurter Küche
Frankfurter Küche
Lihotzkys Hauptaufgabe bestand jedoch in der Konzeption einer Küche für alle Wohneinheiten in den Siedlungen des Neuen Frankfurts.
Ihre Grundidee war die erstmalige konsequente Trennung von Küche sowie Wohn- und Essraum. Dies wurde möglich, da der Herd nicht mehr mit Holz oder Kohle befeuert werden musste, sondern Gas- oder später auch Elektroherde installiert werden konnten.
Aufgrund ihrer empirischen Untersuchungen über sämtliche Wege und Handgriffe bei der Küchenarbeit entwickelte sie eine Normküche mit fest eingebautem Mobiliar auf rund 6,5 Quadratmetern. Als Vorbild diente die Küche der Mitropa-Speisewagen.
Das Ziel bestand darin, berufstätigen Frauen die Hausarbeit zu erleichtern und die technischen Voraussetzungen für eine fortschreitende Emanzipation zu schaffen. Da die Einbaumöbel zu den Baukosten zählten und über die Miete abgerechnet wurden, stand allen Bewohner:innen mit dem Einzug gegen einen monatlichen Mietaufschlag von zwei bis drei Reichsmark diese voll ausgestattete, moderne Küche zur Verfügung.
Um für diese neue Form der Arbeitsküche zu werben, drehte Paul Wolff im Auftrag der Stadt Frankfurt am Main 1928 den Dokumentarfilm „Die Frankfurter Küche“. Etwa 10.000-mal wurde die in unterschiedlichen Varianten realisierte Küche in den May-Siedlungen installiert und gilt als Prototyp für die moderne Einbauküche.
Gartenhütten und Lauben
Die neuen Wohnkomplexe wurden vielfach um Schrebergartenanlagen ergänzt. Die Nutzgärten sollten einerseits die Haushaltskasse entlasten und andererseits zu gesunden Lebensumständen beitragen. Sie wurden teilweise mit normierten Gartenhütten und Lauben als Pachtgärten ausgestattet.
Schütte-Lihotzky erarbeitete Typenentwürfe, die auf der Frankfurter Ausstellung „Die neue Wohnung und ihr Innenausbau“ im Jahr 1927 zu sehen waren. Dort zeigte die Architektin ein gemeinsam mit Wilhelm Schütte gestaltetes Wochenendhaus, das viel Beachtung fand.

Frankfurter Jahre – Wohnung in der Kranichsteiner Straße
1927 bezog Schütte-Lihotzky, die zuvor als Untermieterin in zwei Zimmern in der Bettinastraße 44 gelebt hatte, eine Wohnung mit Dachgarten in einem neu errichteten Gebäude des Hochbauamts in der Kranichsteiner Straße 26 in Sachsenhausen. Im Frühjahr desselben Jahres heiratete sie den Architekten Wilhelm Schütte, einen Kollegen aus der Abteilung Schulbauten.
Um 1930 ließ sich Schütte-Lihotzky sowohl allein als auch gemeinsam mit ihrem Ehemann auf der Dachterrasse des Hauses in der Kranichsteiner Straße vom Fotografen Hermann Traugott Collischonn fotografieren.

Mehrfamilienhaus, 1926. Architekt: Ernst Balser. Foto: Daniela Christmann

Margarete Schütte-Lihotzky, Terrasse Wohnung Kranichsteiner Straße, um 1930. Foto: Hermann Collischonn

Margarete Schütte-Lihotzky und Wilhelm Schütte, Terrasse Wohnung Kranichsteiner Straße, 1929. Foto: Hermann Collischonn

Mehrfamilienhaus, 1926. Architekt: Ernst Balser. Foto: Daniela Christmann

Mehrfamilienhaus, 1926. Architekt: Ernst Balser. Foto: Daniela Christmann
Wohnblock Kranichsteiner Straße
Der 1926 nach Plänen des Architekten Ernst Balser errichtete Wohnungskomplex befindet sich auf einem spitzwinkligen Grundstück am Hang des Sachsenhäuser Bergs.
Der Block mit insgesamt zwanzig Wohnungen wurde in massivem Ziegelmauerwerk mit vorgehängter Klinkerverkleidung ausgeführt.
Alle Wohnungen waren mit einer Frankfurter Küche ausgestattet.
Die spitz zulaufenden Fenster im Dachgeschoss dienten nicht nur als dekoratives Element, sondern auch als Windfänge, um eine optimale Lüftung des Trockenraums zu erreichen.
Die Treppenhauswände verfügen über eine scharrierte Granitauflage, die Betontreppenstufen sind mit einem Steinholzbelag versehen und das Geländer besteht aus Eisen mit einem vernickelten Handlauf.

Mehrfamilienhaus, 1926. Architekt: Ernst Balser. Foto: Daniela Christmann

Mehrfamilienhaus, 1926. Architekt: Ernst Balser. Foto: Daniela Christmann

Mehrfamilienhaus, 1926. Architekt: Ernst Balser. Foto: Daniela Christmann

Mehrfamilienhaus, 1926. Architekt: Ernst Balser. Foto: Daniela Christmann
Lehr- und Großküchen
Gegen Ende ihrer Frankfurter Jahre spezialisierte sie sich auf die Planung pädagogischer Einrichtungen, die ebenfalls in der Abteilung Typisierung betreut wurden. Um die Schüler im Schulunterricht an die rationelle Hauswirtschaft heranzuführen, stattete die Stadt Frankfurt bestehende und neue Schulen mit eigens von Schütte-Lihotzky entworfenen Lehrküchen aus.
In ihrer Konzeption verwarf sie die bisherige Gestaltung von Schulküchen als Großküchen und propagierte einen halbrunden Baukörper als Idealtypus, der am Rand Küchenkojen für Arbeitsgruppen in Haushaltsgröße bot. Im Zentrum sollten ein Lehrpult und ein halbrunder Tisch mit Gasanschlüssen für den theoretischen und experimentellen Unterricht stehen.

Kindergärten
Ab 1928 plante die Abteilung Typisierung auch Neubauten von Kindergärten, nachdem zuvor nur Umbauten realisiert worden waren. Für den nicht mehr umgesetzten Entwurf eines Kindergartens in der Siedlung Praunheim ließ sich Schütte-Lihotzky von der Reformpädagogik Maria Montessoris inspirieren. Sie sah einen zur Natur geöffneten und orientierten Pavillonbau vor, dem Laubengänge, Liege- und Spielterrassen angegliedert waren. Die einzelnen Bauteile gruppierte sie so, dass drei Kindergartengruppen jeweils einen eigenen Trakt mit Außenraum erhalten sollten. So musste im Falle infektiöser Krankheiten nicht die gesamte Anlage geschlossen werden.
Beendigung der Tätigkeit als Angestellte der Stadt Frankfurt
Obwohl Schütte-Lihotzky, wie May schon 1927 schrieb, „in künstlerischer und technischer Hinsicht auf dem von ihr bearbeiteten Spezialgebiet als erste Spezialistin Deutschlands und der Nachbarländer betrachtet werden” konnte, verlängerte der Magistrat den Vertrag der Jungverheirateten ab 1927 nur noch jeweils befristet mit Ausnahmegenehmigung, da Doppelbeschäftigungen von Ehepartnern in städtischen Diensten nicht gestattet waren.
Ende 1928 schied sie als Angestellte aus den städtischen Diensten aus. Fortan erhielt sie nur noch befristete Honorarverträge als Privatarchitektin, um für die Kommune tätig sein zu können – zu einem verminderten Honorarsatz von anfangs 400, ab 1930 nur noch 200 Mark monatlich. Der letzte Vertrag endete am 30. Juni 1930.
